Multiple Krisen erfordern neues Denken

Im Frühjahr 2020 hat die COVID-19-Pandemie unsere global organisierte just-in-time-Gesellschaft hart getroffen. Die Flutkatastrophe im Sommer 2021 und die Dürre im Sommer 2022 haben deutlich gemacht, dass der Klimawandel auch „bei uns“ angekommen ist und akuter Handlungsbedarf bei Adaption und Mitigation besteht. Die Knappheit von Ressourcen und Preissteigerungen machen Planungen zunichte, stellen öffentliche und private Haushalte vor eine Bewährungsprobe und viele Gewohnheiten infrage.

Vor großen Herausforderungen stehen vor allem Bereiche, die in der Vergangenheit redundante Strukturen abgebaut haben. Denn in einer Zeit ohne Krise war die Vorhaltung von Sicherheitssystemen zum Wettbewerbsnachteil geworden. Ob die Wirtschaft und die globalisierten Lieferketten, eine stabile, nachhaltige und bezahlbare Energie- und Rohstoffversorgung, das Gesundheitswesen und der Katastrophenschutz oder das Bildungssystem – überall offenbaren sich fatale Lücken, Mängel und Leerstellen. Deutlich wird in den vielfältigen und sich überlagernden Krisen: Vorsicht wurde zu lange als Angst abgetan, Sorgfalt als Trägheit, dystopische Zukunftsmodelle als Schwarzmalerei. Viel Hoffnung ruht auf Innovationen, deren Skalierung und Umsetzung häufig kompliziert – wenn nicht gar utopisch ist. Die multiplen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, erfordern, dass wir vieles viel mutiger neu denken, als wir das sonst getan hätten. Innovativ und resilient zugleich.

Das Institut für Resilienz im ländlichen Raum testet und erforscht anhand konkreter Projekte, inwieweit durch eine multiperspektivische, integrierte Herangehensweise an das Thema Resilienz eine Transformation eingeleitet werden kann, die es erlaubt, gut mit Krisen und den damit einhergehenden Disruptionen umzugehen.

Wir verstehen Resilienz als eine im Grunde Zukunftsvision mit dystopischem Unterton, die im ständigen Abgleich mit möglichen Utopien zu nachhaltigen Innovationen führt.

Katastrophenschutz als Ehrenamt

Deutschland hat nach Österreich mit über 95 Prozent den zweithöchsten Anteil an freiwilligen Helfer:innen in der Feuerwehr. Man könnte sagen, Katastrophenschutz in Deutschland ist Ehrenamt. Dies ist möglich, weil Ausbildung, Material, Technik und sozialer Zusammenhalt aktiv von Kommunen, Ländern und auf Bundesebene unterstützt und finanziert werden. Das Ergebnis des langjährigen Aufbaus sind resiliente Strukturen, um die uns viele andere Länder beneiden.

Wir sind selbst aktives Mitglied der Feuerwehr und studieren im ehrenamtlichen Einsatz bewährte Systeme und Strukturen, die universell und daher im Krisenfall jederzeit einsatzfähig sind. Die Erkenntnisse übertragen wir auf den Kontext der räumlichen Entwicklung und leiten hieraus Ansätze für eine intelligente und krisenfeste Steuerung ab.

Künstliche Intelligenz und digitale Transformation

Unter dem Begriff „digitale Transformation“ werden oft Entwicklungen wie Online-Shopping, Social Media oder Home-Office zusammengefasst. Wir sind der Meinung: Die eigentliche Transformation heißt künstliche Intelligenz und wird noch weitaus umfassendere Veränderungen hervorbringen. Autonomes fahren, Tools zur Musikkomposition und zur Redaktion von Texten sind bereits vorhanden, intelligente Video- und Bildgeneratoren tauchen in noch eher skurrilen Situationen wie dem „deep-fake“ bereits auf.

Wir befürchten, dass viele Gewinner:innen der digitalen Entwicklung des letzten Jahrzehnts von den neuen Möglichkeiten überholt werden. Viele Wettbewerbsvorteile im Bereich der IT schwinden, Berufsbilder und unternehmerische Konzepte werden auf eine harte Probe gestellt. Aber auch Traditionsberufe wie Fernfahrer:in oder Handwerker:in werden sich umorientieren müssen. Welche gesellschaftlichen und ökonomischen Konsequenzen daraus entstehen, ist nur schwer abzuschätzen. Vielleicht entstehen durch die „digitale Transformation 2.0“ gerade im ländlichen Raum auch große Chancen, etwa weil Routinetätigkeiten automatisiert werden können und Arbeitskräfte sich so anderen notwendigen Aufgaben widmen können. Das Thema Resilienz ist eng verknüpft mit der digitalen Transformation zusammen zu denken. Gerade für eine resiliente Zukunftsentwicklung von Kommunen im ländlichen Raum ist ein selbstbewusster und proaktiv-gesteuerter Umgang mit der digitalen Transformation unerlässlich.

Was ist spezifisch an Resilienz im ländlichen Raum?

Der ländliche Raum – gerade im Osten Deutschlands – zählte lange Zeit zu den Verlierern der Globalisierung. Landflucht und der demografische Wandel waren übermächtige Entwicklungen ohne Perspektive, die in Schrumpfung oder Leerständen resultierten. Die Menschen sind hier besonders transformationserfahren. Werte wie Traditionsbewusstsein, Zusammenhalt und ehrenamtliche Hilfe verbindet die verbleibende Gesellschaft.

Was können wir für aktuelle Krisen daraus lernen? Was unterscheidet die Resilienz im ländlichen Raum von der urbanen Resilienz? Wie kann uns der Ansatz der Resilienz helfen, angesichts der multiplen Krisen die Verwundbarkeiten der modernen Gesellschaft zu reduzieren und seine spezifischen Fähigkeiten für Widerstandsfähigkeit zu stärken? Wie kann eine strategische Anpassungsfähigkeit aussehen, die dabei hilft, zukünftige Krisen zu antizipieren und entsprechend vorbereitet zu sein? Wo braucht es redundante und sich ergänzende Strukturen, wo technische und soziale Innovationen? Und wie sollte das System transformiert werden, um zukünftige Störungen zu vermeiden?